Deutschland im Sommer 2015 – Eine Momentaufnahme

von guinness44

Ich wohne in einer kleinen Stadt, die man als nicht besonders diversifiziert bezeichnen würde. In den Schulklassen meiner Kinder kommen die Ausländer aus Kanada oder der Schweiz. Es ist, von außen betrachtet, eine heile Welt im Speckgürtel einer Großstadt mit Herz.

Jetzt haben auch wir unsere ersten Flüchtlinge bekommen. Familien mit kleinen Kindern. Das jüngste wurde zwei Tage nach der Ankunft geboren. Wer weiß was aus diesem Kind wird und ob es je in die Heimat seiner Eltern zurück gehen kann. Aber es wird für immer als Geburtsort den Namen der kleinen Stadt angeben.

Die Flüchtlinge sind in der Turnhalle der örtlichen Schule untergebracht. Gemäß offizieller Sprachregelung sind sie bis zum Beginn des neuen Schuljahres wieder raus. Wo sie hin sollen weiß niemand und entsprechend weiß jeder, dass sie dort bleiben werden. Man kann sehr gut in die Halle schauen und die Etagenbetten sehen. Die schmalen Schränke und der Versuch etwas Privatsphäre mit Bettlaken zu erreichen. Die Kinder fahren mit Fahrrädern durch die Gegend und schauen einen neugierig an. Wahrscheinlich so wie man sie selbst neugierig anschaut.

Das zuständige Landratsamt hat eine Nummer für Fragen eingerichtet. Man braucht viel Geduld wenn man jemanden erreichen will. Wenn man jemanden erreicht hat, dann merkt man schnell, dass man nicht der erste mit Fragen war. Aber die Fragen werden freundlich beantwortet und auf einen Helferkreis verwiesen. Der Helferkreis verweist auf den lokalen Helferkreis und der lokale Helferkreis verweist auf das Ortstreffen.

Das Treffen ist eine faszinierende Veranstaltung. Der Älteste ist bestimmt schon über 80. Die Jüngste vielleicht Anfang 20. Der Älteste hat bereits in den 90ern pragmatisch gehandelt und einfach geholfen. Es ist unglaublich wenn man sieht welche Autorität dieser Mann ausstrahlt. Die junge Frau hingegen scheint der Joker zu sein, die immer hilft, wenn sich kein Freiwilliger findet. Wenn man die eine oder andere Dame in einem anderen Umfeld sehen würde, dann würde man eher darauf tippen, das ihre größte Sorge die neue Herbstmode und nicht die ärztliche Versorgung von schwangeren Flüchtlingen ist.

Die Leiter der Ortsgruppe geben das Wort an die jeweiligen Leiter der einzelnen Arbeitsgruppen. So berichtet eine Frau von den Schwierigkeiten der viel zu großen Spendenbereitschaft und der logistischen Herausforderung Hunderte von Emails zu beantworten oder die Spenden zu sortieren. Eine andere Frau berichtet von den Nervenzusammenbrüchen einiger neuer Flüchtlinge wenn ihnen bewusst wird, dass sie nicht das vom Schlepper versprochene Einfamilienhaus bekommen sondern eine Turnhalle mit Hunderten anderer Flüchtlinge. Der Arzt berichtet von der Versorgung mit Kinderärzten und anderen Ärzten. Von den Tücken der Versorgung mit Hausarzt und Facharzt. Von der Notwendigkeit einer Überweisung und wie man das System am besten austricksen kann. Es ist überwältigend wenn man sieht wie sich Ärzte und Apotheker innerhalb von Sekunden auf eine pragmatische Lösung einigen. Wie schnell ein „so geht es nicht“ in ein „wir können es aber so machen“ wird. Wenn man sieht wie Menschen einfach helfen.

Es gibt auch die weniger appetitlichen Ereignisse wenn man erfährt, dass die Art und Weise des westlichen Toilettengangs nicht unbedingt der globale Standard ist. Aber auch hier gibt es einen Freiwilligen, der sich darum kümmern will. Es gibt die ersten Erfolge wenn eine andere Frau berichtet wie die Flüchtlinge die Reinigung selbst in die Hand genommen haben, als sie die Putzmittel in der Hand hatten. Es fehlt auch nicht der Hinweis, dass die Freundlichkeit schnell vorbei ist, wenn der erste Flüchtling mit seinem Fahrrad in einen teuren SUV kracht. Aber auch hier gibt es gleich eine schnelle Lösung.

Wenn man sieht was diese Menschen alles leisten, dann fragt man sich wie es wäre, wenn es diese Menschen nicht geben würde. Zum Glück gibt es sie. In unserer kleinen Stadt im Speckgürtel als auch in vielen anderen Teilen. Die nächsten Wochen und Monate werden nicht einfach werden aber mit diesen Menschen kann man viel leisten.

Der 80-jährige hat noch eine Bitte an die Teilnehmer. Er weist auf eine Bürgerinformation hin und das dort auch gerne die weniger helle Seite Deutschlands zu sehen und zu hören ist. Man möge doch bitte auch dorthin gehen um pauschalen Aussagen die Fakten entgegen stellen. Nicht mehr aber auch nicht weniger.

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