Sprechen Sie Deutsch?

von guinness44

„Sprechen Sie Deutsch?“ und seine wachen Augen schauen sehr freundlich.

Max ist das was man einen rüstigen Rentner bezeichnen würde. Er ist 84 Jahre, schlank, gesunde Bräune, hat seit 8 Monaten eine neue Hüfte und will in zwei Wochen wieder mit dem Lauftraining beginnen. Sein Deutsch ist fast akzentfrei und hätte man ihn zu einer anderen Gelegenheit kennen gelernt, die erste Frage wäre gewesen, wo er so gut Deutsch gelernt hat. 

Seine „Lehrer“ holten ihn zu Hause in Litauen mit seinen Eltern ab und transportierten sie in eines der unzähligen Lager, das seine „Lehrer“ errichtet hatten. In einem dieser Lager durfte er dann eine Grube ausheben und wartete bis seine „Lehrer“ einen nach dem anderen erschossen. Er hatte Glück, wenn man es denn so nennen kann, denn er wurde nur angeschossen. Und so fiel er in die Grube während seine toten Eltern auf ihn drauf fielen. Er schaffte es aus der Grube zu klettern und geistesgegenwärtig wie er war, erzählte er seinen „Lehrern“, dass er schon über 14 war, denn so hatte er die Chance als Zwangsarbeiter weiter zu leben. 

Und so zog er in zugigen Waggons von Arbeitslager zu Arbeitslager von Ost nach West durch ganz Europa. Irgendwann landete er zusammen mit anderen Litauern und Ungarn in Kaufering in der Nähe von Landsberg am Lech. Eigentlich hätte sein Leiden hier im April 1945 ein Ende haben können als die Amerikaner immer näher kamen. Aber er und die anderen Gefangenen mussten sich auf einen weiteren sinnlosen Fußmarsch in Richtung Alpenfestung machen. Nach mehreren Tagen Fußmarsch, Schlafen unter freien Himmel und auf später Neuschneeschicht, angetrieben von den „Lehrern“ und unter Tieffliegerbeschuss ihrer Befreier waren nur noch wenige nicht tot, denn am Leben war von diesen „Geistern“ eigentlich niemand mehr. Nach einer weiteren eiskalten Nacht im Freien war ihr Martyrium Anfang Mai endlich zu Ende, als Max die ersten Amerikaner seines Lebens kennen lernte. 

Max lebt seitdem in Israel, seine vier Jahre Deutsch Unterricht wird er nie vergessen. Einmal im Jahr kommen er und andere Überlebende zurück, um die Toten mit einem Gedenkmarsch zu ehren.

Wenn man mit ihm spricht und in seine Augen schaut, dann weiß man, dass es Versöhnung geben kann.

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